Sonntag, 29. Mai 2011

Das Armloch - und wie es die Bewegungsfreiheit beeinflusst

Das Konstruieren des Jackenschnitts für die Chaneljacke hat mich drauf gebracht, dass ich mal ein paar verschiedene Jacken "gegeneinander antreten" lassen könnte. In den Ring steigen die Chaneljacke nach Müller und Sohn konstruiert, eine Jacke mit dem Garment Designer konstruiert, eine Jacke nach einem Burda-Schnittmuster und eine nicht ganz billige Kostümjacke (das Kostüm hat damals ca. 800 DM gekostet, das war schon gehobenere Klasse, würde ich meinen). Mein liebster Haus- und Hof-Photograph schaute erst etwas irritiert, als er mich in 4 Jacken jeweils in 3 Posen fotografieren sollte, es erschloss sich ihm nicht gleich, welchen Effekt ich da dokumentieren wollte. 

Fangen wir mal mit Pose 1 und 2 für jede der Jacken an. 

Als erstes die Chaneljacke aus dem vorherigen Posting:



Ich bin mit dem Sitz sehr zufrieden, das nächste mal könnte der Herr Photograph vielleicht noch darauf achten, dass alle Knöpfe richtig zu sind und das T-Shirt nicht unten rausguckt. 
An zweiter Stelle kommt die Jacke, die ich mit dem Garment-Designer entworfen habe:




Der Sitz ist ganz passabel, die Ärmel sind leider nicht ganz so schön wie bei der Chaneljacke, aber es sind auch nur einteilige Ärmel und der Stoff ist ein wenig problematisch, alles in allem doch ganz ok. 

Nun zu Nummer 3, der gekauften Kostümjacke:



Nicht unbedingt mein Stil, auf Grund des Alters auch wohl nicht mehr ganz so aktuell und modern, aber die Ärmel fallen ganz gut.  Sie sind natürlich etwas kurz, aber was will ich Riesenkind auch von Konfektion erwarten ...

Als letzter Kandidat kommt nun die Chanel-Jacke nach dem Burda-Schnitt  4701 aus den 90ern des letzten Jahrtausends dran:




Die Jacke könnte etwas länger sein, die Ärmel auf jeden Fall auch. Weiß der Geier, warum ich die damals so kurz gemacht habe. Ich war jung und hatte keine Ahnung. Auf jeden Fall keine Ahnung von wirklich guter Passform. Nichts desto weniger, die Armkugeln sind gar nicht so abscheulich, wenn man sie mal so betrachtet.

Bis jetzt hatten wir also 4 Jacken, die im Armlochbereich alle ganz passabel aussahen.

Jetzt kommt der Witz an der Angelegenheit, nämlich die unterschiedliche Bewegungsfreiheit in jeder der 4 Jacken. Dazu stellen wir uns einfach mal vor, dass jemand uns eine Pistole vor die Nase hält und "Hände hoch!" brüllt. Passiert vielleicht nicht ganz so oft, schönen Dank auch, aber dass man die Arme bewegen muß, das passiert schon häufiger. 

Hier also die Ergebnisse des Hände-hoch-Tests.

Kandidat 1:


Man kann sich bewegen. Der oberste Knopf ist immer noch nicht ganz zu, aber das war er vorher auch noch nicht. 

Kandidat 2:


Auch hier kann man sich frei bewegen, ohne daß irgend etwas auffällliges passiert. 

Kandidat 3:


Hier kann man schon deutlich sehen, dass die Schultern sich nach oben bewegen. Der Ausschnitt klafft, da er aber sehr weit ist, fängt das den Effekt wieder etwas auf. 

Und nun der krönende Abschluss, Kandidat 4:


Muss ich dazu noch irgendwas sagen? Wohl nicht ... Der Knopf auf Brusthöhe springt auf, die Schultern sagen den Ohren hallo, schlimmer geht's nimmer. Da war dann auch dem Haus- und Hof-Photographen klar, worauf ich hinauswollte.

So ähnlich hätte übrigens auch die Konfektionsjacke ausgesehen, wenn sie bis obenhin geknöpft gewesen wäre. 

Was ist jetzt der Unterschied am Schnitt der 4 Jacken?

Das ist ganz einfach zu beantworten. Die Jacken 1 und 2 haben ein hochgeschnittenes Armloch, das bis dicht unter die Achsel geht. Die Jacken 3 und 4 haben ein Armloch, das tiefer ausgeschnitten ist. Das führt dazu, dass man mit der Armbewegung die ganze Jacke nach oben transportiert und nicht nur den Ärmel. Da kann man den Ärmel noch so "coutürig" verarbeiten wollen und mit Ärmelfischchen wedeln , das nützt alles nix, wenn der Schnitt die nötige Bewegungsfreiheit nicht hergibt.